Blog Adriana from the Blog [Monday Recap]

Adriana from the Blog [Monday Recap]

Adriana Popescu
Montag, den 28. Mai 2012 um 15:39 Uhr von Adriana Popescu
Stuttgart Stuttgart Alpha Fotografie

Adriana Popescu - Monday Recap

Stuttgart ist ein Dorf. Eigentlich eher eine Kesselstadt. Tut aber zur folgenden Episode auch nichts zur Sache.
Ich fahre ja nun wirklich gerne Bus und man erkennt die ein oder anderen Mitfahrer ja wieder. Sie steigen alle mit einem ein und meistens auch wieder mit einem aus. Deswegen kenne ich die Personen natürlich noch lange nicht, auch wenn ich mir einen Spaß daraus mache mir ihre Berufe und Familien vorzustellen.

Was dieser Herr wohl beruflich macht? Wie wohl der Ehemann dieser jungen Frau aussehen mag? Zum Beispiel gibt es diesen jungen Vater, der immer mit seinen zwei Kindern am Marienplatz zusteigt, und dessen Gesicht mir nach fast zwei Jahren, in denen ich mit dem Bus fahre, inzwischen gut vertraut ist. Außerdem weiß ich, dass er NEIN zu [zur] Atomkraft und S 21 sagt. Seine Kinder haben außergewöhnliche Namen und fahren beide Holzroller (auch im Bus). Aber als ich neulich eine Event-Ankündigung eines Clubs in Stuttgart via Facebook bekam, war ich überrascht sein Gesicht auf der Band-Seite zu sehen. Ich fahre also wohl jeden Tag mit einer lokalen Berühmtheit. Musiker passt übrigens ganz gut in das Bild, das ich mir von ihm und seinem Leben ausgemalt habe. Auch die türkische Mama, die eine Station nach mir mit ihrer kleinen Tochter einsteigt, ist mir inzwischen vertraut. Wir grüßen uns jeden Morgen, als wären wir alte Bekannte. Ich weiß, dass ihre Tochter nicht mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen kann und einen Kindergarten-Freund Namens „Mehmet“ hat, der manchmal ihr bester Freund, manchmal „echt doof“ ist.

Ich fahre also wohl jeden Tag mit einer lokalen Berühmtheit. Musiker passt übrigens ganz gut in das Bild, das ich mir von ihm und seinem Leben ausgemalt habe.

Und dann gibt es noch den Alkoholiker, der immer um 9 Uhr morgens mit einer Flasche Bier an der Haltestelle sitzt, alle Passanten beschimpft und sich beim Busfahrer über die rasanten Kurven beschwert.
Das kleine Mädchen, das eine ganze Weile mit ihrer hochschwangeren Mutter exakt meine Route gefahren ist. Auch hier wurde immer freundlich gegrüßt. Nach einem Wochenende wurde das kleine Mädchen von ihrer großen Schwester zum Kindergarten begleitet und mir war klar: das Baby ist da! Für mich sind all diese Menschen zu Begleitern meines Alltags geworden und ich vermisse sie, wenn sie einige Tage nicht mit mir in die Linie 43 einsteigen. Ob sie krank sind? Urlaub haben? Ach ja, Schulferien. Umgezogen? Verstorben? Kennt ihr das auch? Mitfahrer die euer Leben ausschmücken, mit denen man vielleicht nie ein Wort wechselt - und doch jeden Tag eine bestimmte Zeit mit ihnen verbringt?

Ja. Kennen wir uns?
Nicht wirklich, aber ich lese deine Artikel bei Kesselfieber.

„Entschuldigung?“
Ich sehe überrascht auf, als mich eine junge Frau kurz vor dem Marienplatz anspricht.
„Ja?“
„Bist du die Adriana?“
Bin ich, aber woher weiß sie das? Sofort durchsuche ich Erinnerungen an ihr Gesicht. War ich mal mit ihr in einer Klasse? Kaum möglich, sie ist mindestens 10 Jahre jünger als ich. Haben wir mal bei einem EM-Spiel zusammen in einer Kneipe gefeiert? Arbeitet sie als Bedienung in einem meiner Lieblingslokale? Aber mein Gehirn zeigt keine Übereinstimmung an - und so muss ich passen.
„Ja. Kennen wir uns?“
„Nicht wirklich, aber ich lese deine Artikel bei Kesselfieber.“
Sie lächelt und hopst aus dem Bus, während ich etwas perplex im Bus sitzen bleibe und es noch nicht so ganz fassen kann. Bin ich gerade wirklich und tatsächlich erkannt worden? Mit einem Grinsen lasse ich mich vom Bus weiter durch den Süden meiner Stadt schaukeln und bin ein kleines bisschen stolz.
Kesselfieber ist eben wirklich von Stuttgartern für Stuttgarter. Das Konzept geht auf. Und wenn das Mädchen diesen Eintrag liest: Melde dich doch bitte.

Adrianas Webseite

Adriana Popescu

Adriana Popescu

Adriana Popescu arbeitete zwischen 2001 und 2006 als Drehbuchautorin für das Deutsche Fernsehen, bevor sie nach sechs Jahren am Filmset in den Bereich der Printmedien wechselte. Als Autorin schrieb sie über zwei Jahre die beliebte Kolumne „Die Single Diaries“ für das Schweizer Lifestyle-Magazin „mex“. Seit 2007 arbeitet sie als freie Autorin für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften, Online-Portale und City-Blogs in Wien, St. Gallen, Stuttgart und New York. „5 Tage Liebe“ ist ihr Debütroman.