Die Nationalhymne wird gespielt. Deutschland spielt gegen Holland, mit Begleitung sitze ich im Kap Tormentoso. Beim Eintreten wurden wir mit „Wir sind voll im Fußballfieber“ von einer netten Bedienung begrüßt. Stimmt. Sind sie. Sind alle. Begleitung ist´s auch. Und ich sowieso.
In kapriziös-tormentorsischer Wohnzimmeratmosphäre wurde wenige Minuten bevor der Einzige aufstand, um die Hymne zu nationalisieren, Kathrin Kasper-Hohenstein im Astronautenkostüm begutachtet, wie sie irgendwie versuchte, Rügen mit der EM in Ukraine und Polen zu verbinden. Sie wurde jedoch schnell zur Nebensache, aufgrund der schönsten Nebensache der Welt. Die kann und wird Fräulein Kasper-Hohenstein niemals ablösen können. Dafür ist sie schlichtweg nicht schön genug.
Der Typ, welcher als Einziger die Hymne nationalisierte, trägt ein Polohemd und wirkt freundlichkeitsfremd. Mit Pauken und Proleten beschimpft er bereits vor Anpfiff Holländer und Mario Gomez.
Gerade dieser Mario Gomez scheint für Polohemdpaul ein orangenes Tuch zu sein, denn der Mario kriegt mindestens genauso viel Hohn und Spott ab wie die holländischen Käsekicker.
Während die ersten Minuten des Spiels laufen, blicke ich mich im Kap um. Das Schiff, welches irgendwer vor einigen Wochen aus dem Interieur geklaut wurde, ist noch nicht wieder aufgetaucht – es wurde durch ein selbstgebasteltes Papierschiffchen ersetzt. Das eigentliche Schiff, das hat bestimmt der gleiche Typ geklaut, der auch aus der Wilhelma einen Pinguin mitgehen ließ. Spätestens wenn irgendwo in der Reinsburgstraße ein neuer Souvenirladen eröffnet, der Modellschiffe und Pinguine verkauft, sollte dieser Typ doch geschnappt werden können, hoffe ich.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als Polohemdpaul wütend über Gomez und dessen mangelnde Technik abkotzt. Der hat ja keine, der Gomez. Hat er ja noch nie gehabt, der Mario. Ist ja völlig überbewertet, diese taumelige Rückennummer. Zwei Minuten später vollführt jener eine filigrane (im Fachjargon auch „philliplahme“ genannt) Drehung um die eigene Körperachse, nimmt mit weichem Fußgelenk den Ball mit und schiebt ihn links unten ins Netz.
Alle schreien.
Polohemdpaul auch.
Klar, er hat ja gewusst, das Gomez so was kann. Er hat es immer gewusst. Sowieso.
„Sowas kann nur Mario“, hört man ihn schwärmen. „Sowas kann nur so´n Depp wie du sagen!“, hört man die Anwesenden denken.
Längst ist Polohemdpaul in Konkurrenz zum Spiel getreten, durch seine primitiv-niveaulimboeske Art, alles zu kommentieren, was er sieht. Das Spielt läuft ihm aber, zum Glück, den Rang ab. Viel mit Laufen hat er wahrscheinlich eh nicht am Hut, mutmaßen die Begleitung und ich, als wir seinen Körperumfang verifizieren.
Wenige Minuten später, Polohemdpaul hat sich gerade wieder mehr oder weniger beruhigt, zweite Vorlage Schweinsteiger, Gomez halb rechts im Strafraum, Ballanahme, Torabschluss aus unmöglichem Winkel halbhoch ins Eck.
Kann keiner so.
Das steht fest.
Was man nämlich dafür braucht ist ein unerschöpfliches Selbstvertrauen.
Das hat Mario. Auch gerade wegen solchen Proletenfans wie Polohemdpaul und Proletenjournalisten wie – alle anderen. In den vergangenen Tagen gab es keinen einzigen Artikel, indem Mario nicht in Frage gestellt wurde. Alles andere hätte von den Schreibenden auch zuviel Denkleistung erfordert. Deshalb macht man das, was alle tun.
Polohemdpaul schreit los, alle schreien, Torerfolg, Deutschland führt doppelt, Holland frustriert dreifach, alles wunderschön!
Irgendwann ist das Spiel vorbei. Die letzten Minuten vor Abpfiff waren noch mal spannend, Polohemdpaul ließ seinen Körperdrüsen freien Lauf. Doch jetzt ist alles rum.
Gomez läuft mit nacktem Oberkörper über den Platz. Ein paar Mädels im Kap stöhnen auf. Breit gebaut, braun gebrannt, 100 Kilo Hantelbank.
Kann er sich aber leisten, der Gomez Mario. Gut sieht das aus.
Eigentlich ist er, stelle ich fest, wie die perfekte Frau.
Denn... die perfekte die Frau, die spielt mit dir.
Du beneidest sie für ihr Aussehen, du feierst sie wild, wenn sie auftaucht und dich trifft, du schimpfst, wenn du sie mal nicht zu Sehen bekommst. Ihre Arroganz verhasst du einerseits, und doch liebst du nichts mehr als das. Ihr Trefferjubel ist voller Selbstverständnis, sie weiß, was sie kann. Sie hat nie etwas anderes behauptet. Sie ist makellos gebaut. Sie ist groß. Sie ist rasiert. Sie hat die Haare schön. Sie hat blaue Augen. Sie hat dieses laszive Lächeln. Du weißt, und sie weiß, sie könnte dich immer haben. Sie ist einfach Millionen wert.
So ist Mario. Gut so.
Mach weiter so.
Lass doch alle reden.
Tut dir gut.
Und anderen Nationen weh!
Das Spiel ist vorbei, meine Träumerei auch, wir gehen zur nächsten Eisdiele. Die Wahl fällt auf eine kleine Gelateria namens San Felice in der Königsstraße. Der italienische Eisverkäufer begrüßt uns fröhlich mit „Deutschland ´at gewonnen!“.
Stimmt. Wir fragen nach Eis und danach, wie er glaubt, dass die Italiener spielen werden.
„Is´ mir eeeegale“, dialektiert es aus ihm heraus. Er interessiert sich nicht so für Fußball, für Eis dafür umso mehr. Gut so, schmeckt hervorragend.
Mit Eis in der Hand durch die Stuttgarter Straßen geschlendert, uns begegnen viele Fahnen, alkoholische und nationale. Mein Highlight sind Türken mit Deutschlandfarben im Gesicht. Sehr süß. Wie das Eis.
So viel Gutes an so einem Abend.
Da vergisst man auch gerne mal den Polohemdpaul, seine peinlich-schweinliche Art und seinen verschwitzten Körper. Für den Moment. Beim nächsten Public Viewing gibt´s bestimmt einen Konkurrenten. Aber auch den kann man mit Eis und Eindrücken aus der Erinnerung entfernen. Gutes Eis. So wirklich.
Für das nächste große Spiel am Sonntag (da hat's gutes Wetter), findet ihr unter folgendem Link alle Locations, die für das Wetter geeignet sind.


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